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DAVID KATZ & HUGH JONES - 'Legenden des Maßbands' - Wall Street Journal Deutschland vom 15.07.2012

URL: http://www.wallstreetjournal.de/article/SB10001424052702304141204577507160235799428.html?mod=WSJDE_latestheadlines

Wall Street Journal Deutschland vom 15.07.2012

INTERNATIONAL - Sonntag, 15. Juli 2012, 14:21 Uhr

Legenden des Maßbands

Wie ein ehemaliger Wissenschafts-Lehrer aus den USA auf der olympischen Marathonstrecke in London sein Glück fand.

Von JOSHUA ROBINSON

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Gareth Phillips für The Wall Street Journal

David Katz bei der Arbeit in London.

David Katz ist ein Pedant. Einer von der Sorte, die Stoppuhren – für 19 Dollar das Stück – gleich im Fünferpack kaufen. Einer, der es genossen hat, 36 Jahre lang Wissenschaft an einer Mittelschule in Port Washington im US-Bundesstaat New York zu unterrichten.

Katz ist ein Pedant. Geboren, um professioneller Perfektionist zu sein.

Genau das ist der Grund, warum Katz kürzlich 5.547 Kilometer von Long Island nach London flog. Er ist der offizielle Kursmesser des Olympischen Marathons. Und dieser Kurs ist erst dann 42 Kilometer und 195 Meter lang, wenn Katz das sagt.

"Das ist es, was ich tue", sagte der 59-Jährige Katz kurz vor seinem Abflug in New York. "Es ist, was ich esse und atme. Ich messe. Ich bin ein Landmesser. Und das hier ist der größte Nervenkitzel in meinem Leben. Dafür habe ich vier Jahrzehnte gearbeitet."

Katz ist seit den späten Siebzigern ein Herr der Meilen, Yards und Meter. Er arbeitet im Auftrag des technischen Komitees des Leichtathletik-Weltverbands IAAF. Bereits bei den Olympischen Spielen 1984 in Los Angelos und 1996 in Atlanta war er in die Messungen einbezogen. Und er arbeitet bis heute als Streckengutachter und technischer Berater des New York City Marathon, bei dem alles von den Kilometer-Markierungen über die Uhren bis hin zu den Zeitmess-Matten mit äußerster Präzision platziert werden muss.

In Sachen Streckenvermessung "ist David das Sahnehäubchen auf dem Kuchen", sagt Peter Ciaccia, der technische Direktor des New York Marathons. Ein Ritterschlag für Katz.

Für die Zertifizierung der olympischen Marathonstrecke in London bekam er einen Engländer namens Hugh Jones an die Seite gestellt, eine früheren professionellen Marathon-Läufer, der jetzt zu den herausragenden Vermessern der Welt gehört. Jones hatte bei den Olympischen Spielen 2000 in Sydney die Oberaufsicht über die Marathonstrecke. Den Kurs in London hat er in den vergangenen zehn Jahren, seit die britische Hauptstadt ihre Bewerbung abgegeben hat, nach eigenen Angaben mehr als 20 Mal absolviert. Für Katz dient Jones als wichtige Quelle der Ortskenntnis. Gemeinsam fuhren sie die Strecke im Mittagsverkehr erstmals ab, markierten den optimalen Laufweg an den Ecken und potenzielle Gefahrenpunkte.

Der Kurs durch London, der eigens für Olympia entworfen wurde, hat sich schon im Vorfeld einen Ruf erworben. Zu verdanken hat er das mehr als 90 Wendungen, darunter mehrere Haarnadel-Kurven. Die längste Gerade ist weniger als eine halbe Meile lang. All dies macht die Strecke zu einem Alptraum für einen Vermesser – insbesondere dann, wenn er gleichzeitig versucht, sein Fahrrad genau mit einem Abstand von 31 Zentimetern zum inneren Streckenrand zu steuern.

"Es ist der komplexeste Kurs, auf dem ich jemals war", sagt Katz. Das will etwas heißen, denn er spricht aus 40-jähriger Erfahrung. Katz kam kurz nach seinem Abschluss auf der Fredonia State Universität nahe Buffalo zum Messgeschäft. Damals hatte er mehrere Schulrekorde auf der Bahn aufgestellt und stellte fest, dass lange Strecken immer noch mit Auto-Fahrtenschreibern oder plumpen Messrädern ausgemessen wurden. "Natürlich waren die Ergebnisse falsch", sagt er. "Es musste einen besseren Weg geben."

Heute gibt es diesen Weg, man braucht dafür ein Fahrrad, 100-Meter-Metall-Maßband, ein Notebook, einen Rechner, ein GPS-System auf dem Fahrradlenker und eine Apparatur namens Jones Counter, die die Umdrehungen des Vorderrads misst – etwa 18.000 je Meile. Laser, wie sie zur Bestimmung kurzer Distanzen verwendet werden, gibt es nicht und man kommt auf einem und demselben Kurs kaum einmal auf das gleiche Ergebnis. Ob die Messmethoden noch genauer sein könnten? Mit Sicherheit.

"So etwas wie ein exaktes Ausmaß gibt es nicht, es gibt immer Fehler", sagt Jones, der nicht mit den Erfindern aus der amerikanischen Jones-Dynastie verwandt ist. "Die Magie des Ganzen liegt darin, den Fehler zu kennen und dem Rechnung zu tragen."

13 Millimeter zu viel: "Ich war richtig aufgeregt"

Als Vorbereitung auf die Abmessung der Londoner Olympia-Strecke ging Katz täglich zur Physiotherapie – um Verletzungen auf der 42 Kilometer langen Radfahrt zu vermeiden. Und er unterzog sein Metallband einer genauen Prüfung. Da ein Messer immer nur so gut ist wie sein Band, schickte er dieses zur Untersuchung an das National Institute of Standards and Technology, eine Behörde, die industrielle Messungen vornimmt.

Das Institut antwortete mit einer schlechten Nachricht. Es fand heraus, dass das Metallband 13 Millimeter zu lang war.

"Ich war richtig aufgeregt", berichtet Katz. Eine Ungenauigkeit des Bandes von 13 Millimetern multipliziert sich auf der Marathon-Distanz zu einem Ausmaß von sechs oder sieben Metern. Also beauftragte er das Institut, sein Maßband nachzueichen.

Das Hauptmanko eines Metallbandes ist es, dass es sich mit der Temperatur ausdehnt oder zusammenzieht. Hierfür hat Katz allerdings eine Korrekturformel. Diese Bereinigung ist nur eine von vielen Berechnungen auf seiner Armbanduhr während der 42,195 Kilometer langen Fahrt.

Oder besser gesagt 42 Kilometer und 195 plus 42 Metern. Die zusätzlichen 42 Meter gibt es, weil internationale Regeln vorschreiben, dass jedes Marathonrennen um einen Zehntelprozentpunkt länger bemessen sein muss. Der Aufschlag soll sicherstellen, dass sich im Falle eines Rekords nicht im Nachhinein plötzlich herausstellt, dass die Strecke zu kurz war. Sollte ein unabhängiger Vermesser zu diesem Ergebnis kommen, wäre der Rekord nämlich ungültig.

Katz ärgert sich über diese Korrektur bis heute mit jeder Faser seines zwanghaften Wesens. Ginge es nach ihm, könnten diese lästigen 42 Meter auch ein halber Kilometer sein. Das Ergebnis wäre das Gleiche: Die wahre und ehrliche Marathondistanz wird verfälscht.

"Ich kann rausgehen und einen Marathon mehrere Male messen. Auch wenn ich mit dem Kurs vertraut bin, kann zwischen der ersten und zweiten Messung ein erheblicher Unterschied liegen", sagt Katz. "Warum also müssen wir 42 Meter hinzurechnen?"

Und doch rechnet er die Distanz sorgfältig hinzu, da er streng nach Vorschrift arbeitet.

Messen bei Nacht mit Polizeieskorte

Der zweite Umlauf auf der Strecke in London machte da keine Ausnahme. Um kurz vor zwei Uhr in der Nacht trafen sich Katz und Jones, einen Steinwurf vom Buckingham Palace entfernt. Sie eichten ihre Zählgeräte, behoben kleinere Fehler der Instrumente und radelten anschließend – umringt von einer Polizeieskorte – sorgfältig die Strecke ab.

Beide trugen dabei spezielle Gutachter-Westen, die Katz extra für diesen Anlass angefertigt hatte. Die leuchtfarbenen "Nerd-Westen", wie er sie nennt, trugen das Logo der Londoner Spiele und aufgestickte Namen. Auf ihrer bedeutenden Mission wirkten Katz und Jones damit wie das farbenfroheste Bowling-Team der Welt.

Zwei Stunden lang sammelten sie in der Dunkelheit pflichtbewusst Daten, aus denen die eine, alles entscheidende Zahl resultiert. "Ich wäre glücklich, wenn ich irgendwo in den Bereich komme, in den es Jones geschafft hat", sagte Katz vor der Messung. "Und wenn ich bis auf fünf Meter herankomme, bin ich verzückt."

Es kam noch besser. Zum Ende der Tour betrug der Abstand zur ersten Messung 1,40 Meter.

Es gibt nicht viele Menschen, die wirklich würdigen können, was das bedeutet. Aber Menschen wie Katz und Jones wissen, wie unwahrscheinlich dieses Ergebnis war. Für einen Streckenabmesser war es ein "perfektes Spiel".

"Ein so knappes Ergebnis hat es in der Welt der Messungen fast noch nicht gegeben", sagt Katz stolz. "Von hier aus gibt es keine Steigerung mehr. Das ist der Stoff, aus dem Legenden gemacht werden."

16.7.12 00:44

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